Selektierte Bauteile

Autor: Florian Pöschko

Moin allerseits, ich wollte immer mal ein wenig was schreiben zum Thema "selektierte Bauteile", was immer so ein wenig Reflexreaktionen erzeugt weil die Relevanz dieses Themas nicht geläufig ist. Ich dachte heute ist so eine Gelegenheit. Kurz zum Background: Ich befasse mich nun seit fast 10 Jahren (sinnstiftend) mit Gitarrenelektronik, hauptsächlich Pedaleffekten, unter Zwang ab und an mit der Gitarrenelektronik sowie aus der Ferne mit Röhrenamps (too hot for my taste).
Seit etwa 6 Jahren stecke ich bis über beide Ohren in den Themen Wah-Wah und Fuzz. Ein Teil meiner Beschäftigung waren aus Neugierde und Frust ausgedehnte Meßprotokolle der Betriebsparameter verschiedenster Vintage-Pedale sowie der Bauteile die in ihnen verbaut worden sind, und hier besonders der Abweichung vom aufgedruckten Nennwert und der Folgen für das Verhalten der Schaltung. Das war für mich sehr erhellend.

Jetzt, warum selektiert man Bauteile überhaupt? Die erste Frontlinie ist die Realität der Produktion von Komponenten, und hier das Thema Fertigungstoleranz. Einige Produkte/Typen habe eine sehr hohe Streuung, was ihre Parameter angeht. Dazu gehören die folgenden Bauteile und ihre in einer gitarrenspezifischen Anwendung relevanten Toleranzen:
  • Potentiometer (Gesamt-Widerstand/Kurvenverlauf)
  • JFETS (Gate-Spannung)
  • Bipolar-Transistoren (Gleichstrom-Verstärkungsfaktor/Hfe)
  • Ferrite-Kerne (Windungszahl und daraus res. Induktivität)
  • Kondensatoren (Kapazität)
  • Kohlepress-Widerstände (Widerstand)


Warum macht nun Bauteilselektion (Sortieren in Abstufungen) bzw. das vorherige Prüfen der tatsächlichen Lage durch Messen dieser Parameter einen Sinn?
  1. Die Toleranz erzeugt stark unterschiedlich klingende Pedale (das kennen wir aus den Fällen Wah/Fuzz/Treble-Booster)
  2. Sie verursacht alleine oder im zusammenwirken mit weiteren Toleranzen im Ernstfall ein Pedal was vielleicht gar nicht funktionieren würde (JFET-basierte Phaser, Fuzzfaces) oder sehr fragwürdige Effekte erzeugt.

Wenn man nun sagen wir auch noch in einer (Markt-)Situation steckt, wo man absolute Kontrolle braucht/möchte bzw. man sicherstellen will, dass jedes Pedal wenigstens der eigenen Soundvorstellung entspricht und Leute die es kaufen wollen so ein wenig Sicherheit haben was sie bekommen, macht es Sinn
  1. zu wissen wo die Toleranz jeweils liegt
  2. wenn man diese schon nicht ändern kann/will, wo im Rest der Schaltung man diese Toleranz durch eine Wertänderung ausgleicht um das selbe Ergebnis zu bekommen.

Ein Vorteil ist definitiv auch, dass man den Ausschuss von vornherein auf fast 0 drücken kann und jedes Pedal wenigstens der eigenen Kontrolle unterliegt.
Selbst wenn einem der Hersteller einen gewissen Rahmen gibt (z.B. bei Bipolartransistoren sagen wir Hfe 250 - 500, 400 im Mittel) ist das meist nicht ausreichend eng weil die Probleme schon bei wesentlich weniger Abweichung auftreten.
In der Regel muss man je nach persönlicher Zielsetzung also "down the rabbit-hole" der Vorselektion.
Zur Illustration:
Wer schon einmal sagen wir 4000 Stück Transistor einen nach dem anderen in ein Prüfgerät gesteckt, auf Messen gedrückt und in die passende Schale hineingeworfen hat weiß, was das für eine Arbeit ist.
Wer es noch nicht hat: Nehmen wir wenn es schnell geht mal als Schnitt 20 Sekunden pro Transistor (Stunde um Stunde). Eine Spule in einem Wah kann selbst bei sehr gut gemachten Kernen bei gleicher Windungszahl um ±10% abweichen. 500mH können also schnell zu allem zwischen 450 und 550mH werden, laut Hersteller sind es eher gerne +30/-20%. Das ist der Unterschied zwischen fiepsig und zu tief.

Wenn ich dann noch beim Bau einrechne, dass ich mit den Toleranzen arbeiten wollen muss (weil z.B. der Bestand an Germanium-Transistoren nun heutzutage doch so begrenzt ist dass man jeden Einzelnen einem funktionierenden Pedal zuführen möchte), kann man sich vielleicht vorstellen, was das Boutique am echten Boutique ist und warum das im Ende aber auch irgendwo im Preis vorkommen muss.

Wenn jetzt jemand sagt: "Ja, aber das macht Charakter wenn nicht jedes so klingt wie das andere" stimmt das. Ich hatte aber auch schon traurige Leute vor mir, die sich z.B. für nicht wenig Geld ein altes Pedal gekauft haben wo das die Produktionsrealität war ("bag `em up!"), dessen "Charakter" dann nicht gerade das ist, was man von einem solchen Teil üblicherweise erwartet, und zwar nur deswegen, weil 2-3 neuralgisch wichtige Bauteile in ihrem relevanten Wert völlig aus dem Ruder waren.

Dann gibt es nur das Kaufen-Verkaufen-Karussel, oder das Ausgleichen der Toleranz im Nachhinein (am besten noch so, dass das Pedal nicht auf ewig verbastelt ist). Man kann dann solchen Pedalen den Sound wiedergeben, der ihnen eigentlich angedacht war und für den wir sie alle lieben. Heutzutage (wenn man schon mit archaischen Schaltungen und Komponenten arbeitet die recht hochpreisig sind) macht es tatsächlich Sinn, das im Vorfeld zu erledigen.

Ich hoffe ich konnte ein wenig Transparenz über die wenigstens subjektive Sinnhaftigkeit des Themas erzeugen wenn irgendwo dieser Begriff auftaucht. Und abschließend: Haut euch jetzt bitte nicht die Birne ein über das Thema...

Cheers, Florian

DU BIST PEDALBOARD

Kontakt

Zur PEDALBOARD-Gruppe


Kontakt

Zur Kontaktaufnahme sprecht uns in den Gruppen an oder sende ein Mail an:
post@pedalboard.org

 

Abonniere unseren Newsletter:

Bitte JavaScript aktivieren, um das Formular zu senden

Nach der Anmeldung erhältst Du einen Aktivierungslink (Double Opt-In) zur Bestätigung.
Wir benutzen Cookies
Einige Cookies sind essenziell für den Betrieb der Seite oder um die Nutzererfahrung zu verbessern.
Bei Ablehnung kann es sein, dass nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.