Autor: Dave Remmel


Wer kennt das nicht? Der Bandleader versucht gerade mühevoll dem Schlagzeuger einen bestimmten Fill beizubringen, aber alle nicht beteiligten Musiker klimpern natürlich fröhlich auf ihren Instrumenten weiter. Nach zwei Stunden sind alle gestresst und keiner hat mehr wirklich Lust, Musik zu machen. Aber es geht auch anders...

Es ist nicht schwer, mit ein paar kleinen Tricks den Stressfaktor "Bandprobe" zu entschärfen. Dazu ist es allerdings notwendig sich ein paar (nicht sehr strenge) Regeln aufzustellen an die sich dann jeder halten sollte.

Reden oder Spielen?

Die meisten Instrumentalisten haben überhaupt kein Problem, zuzuhören oder gar selber zu reden, während sie ihr Instrument bedienen und können es nicht ertragen ihre Finger mal 10 Minuten am Stück still zu halten.
Aber die wichtigste Regel für Bandproben überhaupt ist und bleibt: Wenn geredet wird, wird nicht gespielt! Auch wenn es noch so sehr in den Fingern juckt und man unbedingt die Hookline von dem einen Lied, das man gerade im Radio gehört hat ausprobieren will: Nichts ist nervtötender und nichts führt eher zum unvorhergesehenen Stress-Abbruch einer Probe, als ewiges Rumgeklimper der einzelnen Musiker, die am aktuellen Probegeschehen nicht beteiligt sind (besonders gefährdet sind hier Keyboarder und Gitarristen).
Da hilft nur eins: Wenn jemand etwas erklärt: Finger stillhalten. Am besten Gitarre abschnallen und weit weg stellen auch wenn es noch so sehr brennt.

Für Bandleader ist es an dieser Stelle aber auch wichtig, auf die Musiker einzugehen, es ist überhaupt nicht schlimm zu sagen: "Leute, wir brauchen jetzt noch eine Viertelstunde bis der Drum-Pattern sitzt, macht doch so lange Pause und geht eine Rauchen".
Besser die Leute gehen raus und es gehen 5 Minuten dadurch, dass sie zu spät reinkommen verloren, als dass man 20 Minuten unter Klimperstress der ungeduldigen Restband versucht, dem Drummer seinen Part beizubringen und am Ende alle genervt sind.

Auch, wenn jemand einen neuen Song einbringt und am Anfang das Tape vorspielt, ist Stille angesagt. Es ist für die anderen Musiker nicht unbedingt sehr hilfreich, wenn jeder schon versucht die Akkorde rauszuhören und dazuzududeln, auch hier sollten die Instrumente erstmal stillstehen.
Andersrum gilt aber auch: Die Bandprobe ist keine Besprechung! Ich habe es selber erlebt, dass man während der Bandproben irgendwie ins Schwafeln gekommen ist ("Wie machen wir das nächste Woche auf dem Gig mit der Übernachtung?") und die Probezeit irgendwann rum war und weder in der Besprechung noch musikalisch irgendwas bei rumgekommen war, weil jeder zwischendurch geklimpert hat. Besprechungen gehören nicht in die Probe sondern davor oder danach (am besten handelt man solche Dinge aber immer an einem extra Termin ab).

Alles hat seine Zeit (auch in der Bandprobe)

Jammen ist wichtig, keine Band sollte darauf verzichten. So kann sich jeder an seinem Instrument austoben und oft entstehen dadurch auch Ideen für neue Songs. Allerdings ist es wichtig, dass man es nicht übertreibt. Es muss auch möglich sein, mal ein paar Stunden an einem Song zu arbeiten und einzelne Lines auszuchecken.
Es ist okay, wenn mal eine Probe nur gejammt wird. Das fördert die einzelnen Musiker in Improvisation und verbessert das Zusammenspiel, aber das sollte nicht die Regel sein.

Probeablauf

Macht Euch einen festen Plan, wie eine Bandprobe gestaltet sein sollte. Darin sollten Pausen enthalten sein, eine Jam-Session aber auch Zeiten, wo man wirklich an neuen Stücken probt. Es geht nicht im einen minutiösen Ablauf, aber eine grobe Richtschnur.
So vermeidet Ihr, dass nach der ersten halben Stunde schon jemand anfängt, rumzujammern, wann endlich Pause sei. Außerdem weiß so jeder Musiker in etwa, was er zu erwarten hat.
Fangt mit einer kurzen Jam-Session an, spielt ein paar bekannte Stücke durch und fangt dann an die neuen Stücke zu erareiten. Dies sollte in jedem Fall im ersten Drittel stattfinden, da es am meisten Aufmerksamkeit erfordert (die ja bekanntlich mit der Zeit nachlässt).
Ihr solltet an dieser Stelle unbedingt zwischen Feilproben und Wiederholung bzw. Wiederauffrischen alter Stücke unterscheiden. Bei der Wiederholung gilt es, das Stück einfach nur durchzuspielen um den Song zu festigen. Bei Feilproben gilt es den Background-Gesang festzulegen, Breaks und Fills zu erarbeiten das Stück zu arrangieren. Feilproben sind anspruchsvoll, aber weniger intensiv, sollten daher nach dem Erarbeiten neuer Stücke auf dem Plan stehen. Dies bietet sich an, nach einer potentiellen Pause zu machen.
Im letzten Drittel sollte nichts mehr gemacht werden, was große Aufmerksamkeit erfordert. Daher sollte man hier alte Stücke spielen. Wichtig ist auch, das gerade erarbeitete neue Stück an dieser Stelle nochmal zu wiederholen.

Ein möglicher Probeablauf: - kurze Besprechung (Neuigkeiten, was muss noch gemacht werden etc.) - Überblick der Probe (Welche Songs kommen dran, was soll geschafft werden) - 15 Minuten Jam-Session - zwei oder drei bekannte Stücke spielen die gut sitzen - neues Stück erarbeiten - 15 Minuten Pause - Feilprobe an alten Stücken - Wiederholung des neuen Stückes - Am Ende nochmals etwas bekanntes Spielen - Resume der Probe

Klare Ziele stecken

Besprecht vor der Probe kurz, was Ihr in der Zeit schaffen wollt (z.B. eine bestimmte Anzahl an Songs bis zu Bühnenreife proben, an einem neuen Song arbeiten oder das gesamte Liveprogramm für den nächsten Gig zwei mal durchspielen). Wenn jeder Musiker weiß, was auf ihn zukommt, gibt es auch während der Probe weniger Stress.
Redet auch nachher kurz, ob ihr diese Ziele erreicht habt und was ihr besser machen könnt. Nehmt Euch dafür Zeit, es bringt nichts, wenn die hälfte der Band schon in der Tür steht, auch hier gilt: Hinsetzten und weg von den Instrumenten. Wenn jeder das Gefühl hat, dass man in einer Probe weitergekommen ist, geht man das nächste Mal viel motivierter an die Arbeit.

Nicht zu viel auf einmal

Nehmt Euch nicht zu viel vor. Mehr als ein neuest Stück pro Probe ist keinen Fall empfehlenswert. Aber wenn Ihr Euch in jeder ein Stück WIRKLICH effektiv draufschafft, baut Ihr Euch damit auch relativ schnell ein Repertoire auf. Aber es ist eben wichtig, dass dieses Repertoire auch wirklich sitzt. Deswegen ist es für denjenigen von Euch der die Proben leitet wichtig einigermaßen den Überblick zu behalten, welches Stück wann geprobt - oder zumindestens wiederholt - wurde.

Dauer der Probe

Wie lange man probt, hängt natürlich stark von der vorhandenen Zeit ab. Um wirklich was geschafft zu bekommen empfehle ich mindestens drei bis vier Stunden, darunter lohnt es sich nicht. Mehr als acht Stunden Probe machen meiner Erfahrung allerdings auch keinen Sinn, weil irgendwann die Luft schlicht und ergreifend raus ist. Solche langen Sessions können aber sehr effektiv sein, allerdings sollte man hier eine längere Pause einplanen. Bei uns hat sich das als recht effektiv herausgestellt. Samstags gemeinsam zu frühstücken, drei bis vier Stunden zu proben, gemeinsam Mittagessen zu gehen und dann nochmals vier Stunden. Diese zwei Blöcke sollte man dann nach obigem Schema als zwei einzelne Proben behandeln.
Wichtig ist, dass man den Ablauf nicht mit aller Gewalt durchboxt. In einer Phase wo die Leute echt kreativ arbeiten eine Pause zu machen kann tödlich sein. Genauso falsch ist es, die Probe mit aller Gewalt durchzuballern, wenn man merkt, dass die Luft raus ist.

Probeleitung und Vorbereitung

Auch wenn in Eurer Band absolute Demokratie herrscht, ist es zu empfehlen, dass einer die Probe in der Hand hat und dort das letzte Wort hat. Dieser sollte sich auch über den Ablauf Gedanken machen.
Solange alle einer Meinung sind, ist Demokratie eine tolle Sache, wenn dem aber nicht so sein sollte, ist die Probezeit viel zu wertvoll, alles erstmal solange auszudiskutieren, bis jeder zufrieden ist. Wer die Probeleitung hat, kann durchaus auch mal wechseln. Wichtig ist, dass derjenige gut vorbereitet ist und weiß, was Sache ist. Er sollte sich dann einen Tag vor der Probe hinsetzen und den Ablauf durchgehen. Und schauen wann welches Lied geprobt wird.
Optimal ist es in diesem Zusammenhang auch, wenn der Probeleiter, der übrigen Band vorher mitteilt, was in einer Probe drankommt (heute, wo sich E-Mail immer weiter verbreitet, sollte das auch kein Problem mehr sein). Vorhandene Leadsheets oder eventuelle Demoaufnahmen oder MP3s (geht natürlich meistens nur bei Cover-Bands) sollte man den Leuten vorher schon zukommen lassen.

Kritik

Lernt, mit Kritik umzugehen, das ist für einen Musiker essentiell. Es ist aber auch wichtig Kritik richtig rüberzubringen. Wenn ein Musiker etwas an seinem Instrument spielt (oder etwas singt), ist es ein Stück von ihm selber, das er preisgibt. Deswegen ist es auch besonders schwer, damit umzugehen, wenn andere dies kritisieren. Musik ist etwas Persönliches, versucht auch so damit umzugehen.
Es macht zum Beispiel eine Menge her, ICH-Botschaften anstatt von DU-Botschaften zu senden. Es ist etwas völlig anderes ob man sagt: "Dein Solo war der letzte Scheiß" oder "Meiner Meinung nach hat das Solo irgendwie nicht gepasst". Man sollte sich immer Gedanken machen, warum man kritisiert (um einer Verbesserung zu bewirken oder um dem anderen einen reinzudrücken?)

Genauso gehört in eine Probe Offenheit für Kritik. Auch wenn sie mal etwas grob rüberkommt (was in der Musik oft vorkommt, ohne, dass es jemand will) ist sie in den seltensten Fällen persönlich und man sollte sich auch nicht direkt angegriffen fühlen, wenn jemand mal etwas lauter wird.

Bandproben vor Konzerten

Nutzt Eure regulären Bandproben NICHT dafür, um gesondert für anstehende Konzerte zu üben. Wenn ihr zwei drei Gigs im Jahr habt, ist das noch kein Problem, aber spätestens wenn ihr alle drei Wochen unterwegs seid, werdet ihr merken, dass ein großteil Eurer Proben für diese Konzert-Vorbereitungs-Stunden draufgeht und ihr es kaum noch schafft neue Songs zu erarbeiten. Wir hatten bei uns auch immer wieder das Problem, dass wir über Monate hinweg kaum effektive Proben hatten, weil wir zwei Mal die Woche quer durch Deutschland unterwegs waren, aber dringend neue Lieder gebraucht haben, aber kaum etwas geschafft haben, weil wir immer wieder diese "Gig-Vorbereitungs-Proben" gebraucht haben.
Das Optimum ist es, wenn man eine gewisse Zeit NUR probt und danach eine klassische Tour macht und jeden Tag NUR unterwegs ist. Wenn ihr nicht gerade U2 oder Toto heißt ist es aber wahrscheinlich, dass das bei Euch nicht der Fall sein dürfte. Von daher solltet Ihr schauen, dass Ihr Eure Probezeiten effektiv nutzt. Legt für spezielle Konzertproben gesonderte Termine fest (am gleichen Tag VOR dem Gig zu proben ist tabu!!!). So könnt Ihr diese Termine ganz gezielt dafür nutzen Abläufe und übergänge zwischen den Liedern zu nutzen. Das geht dann allerdings nur dann, wenn das Arrangement der Songs steht.

Wenn ihr wöchentlich probt und jede Woche EINEN neuen Song macht und dabei effektiv probt. Könnt ihr Euch bei guten Musikern in einem Jahr problemlos ein Zwei-Stunden-Konzertprogramm mit 20-30 Songs draufschaffen. Weniger ist hier mehr. Es bringt nichts auf Quantität zu proben nur weil ihr beim nächsten Gig mal eine Viertelstunde länger spielen müsst als sonst. Wiederholt lieber als Zugabe noch einen Song der sitzt als irgendwas zu überstürzen.

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