Britische FX-Boxes & Zeitgeist

Autor: Bernd C. Meiser

Zu Beginn der Hardrockzeit, so um/kurz vor 1970, ließen sich die die weltweite Rock-Szene bestimmenden britischen Gitarristen bezüglich ihrer benutzten Bodentretern grob in drei Kategorien einteilen. Zunächst waren da die treterlosen Puristen, die nur ein Spiralkabel zwischen Gitarre - meist mit PAF-Pickups bestückt - und (Marshall) Amp duldeten, wie z. B. der Highspeed-Griffbrett-Akrobat Alvin Lee von Ten Years After oder “Laidback”-Bluesrocker Paul Kossoff von Free. Dann gab es die TrebleBooster-User, meist Leadguitar-Virtuosen wie Ritchie Blackmore (Deep Purple) oder Rory Gallagher (Taste), die Singlecoil-Pickups und Marshall- oder Vox-Amps spielten. Später setzte Brian May (Queen) diese urbritische Boostertradition bis in die heutige Zeit fort. Der letztgenannten Gruppe standen die Tone Bender-User gegenüber, z. B. zu einem gewissen Grad Eric Clapton (Cream), aber vor allem Jimmy Page und Jeff Beck, deren Wege sich bekanntlich bei den Yardbirds kreuzten und die anschließend in Bands wie Led Zeppelin und Jeff Beck Group sehr erfolgreich und populär wurden.


Rockin´ 60s

Zunächst sollten wir uns den Werdegang des verzerrten Sounds einmal kurz ansehen, wobei ich diese Betrachtungen auf das Mutterland des verzerrten (Rock-)Sounds, England, beschränke. Hardrock-Pionier Ritchie Blackmore, der um 1960 herum (übrigens wie seine fast gleichaltrigen Kollegen Clapton, Beck & Page) Profi-Gitarrist wurde, weiß von einem Gitarristen mit Namen Bernie Watson, Mitglied der Band The Rip Chords zu berichten, der 1957 auf einer Aufnahme das erste Fuzzbox-Solo Englands spielte. Das beeindruckte den jungen, nicht an Blues interessierten Hard-Rock´n´Roller Ritchie derart, dass er bereits 1962 als Gitarrist der Band Jack the Ripper des durchgeknallten Screaming Lord Sutch seinen Sound entsprechend dieser alten Aufnahme ausrichtete und so den Grundstein seines späteren Hardrock-Sounds legte. Was aber noch ein paar Jahre dauern sollte, denn die Zeit war für seinen werdenden hoch gezüchteten Dampframmen-Rock noch nicht reif – erst mussten die Beatles und Rolling Stones den Weg im Allgemeinen, und später Eric Clapton mit Cream im Speziellen ebnen. Auf diesem Weg dorthin spielte der Solasound Tone Bender eine wesentliche Rolle.

Anfänge

Es wird Ende der 50er Jahre gewiss viele Technik-Freaks gegeben haben, die mit den damaligen neuen Hi-Tech Germanium-Transistoren Vorverstärker entwickelt haben, auch für Gitarrenanwendungen. Aber der Nachwelt ist aus dieser Zeit nur der Name Gary Hurst in Erinnerung geblieben. Gary tauchte schon frühzeitig im Dunstkreis der Firma Vox auf, die 1958 den AC-15 und ein Jahr später ihren später zur Legende werdenden AC-30 einführten. Letzt genannter sollte alsbald von den Beatles und den Shadows benutzt werden, und dann spielten ihn fast alle bekannten Bands. Schon bald entwickelte Hurst für Vox den ersten Verzerrer – eine Germanium Transistor-Komposition, die wir ruhig schon Tone Bender nennen können. Es war kein Serienprodukt, sondern - heute würde man sagen – Custom-Shop Einzelanfertigung in geringer Stückzahl mit Holzgehäuse für lokale Gitarristen, die, in Anbetracht der Zeit, sehr mutig gewesen sein mussten. Hurst experimentierte mit einigen verschiedenen Transistortypen, denn im Gegensatz zu den Siliziumtransistoren unserer heutigen Zeit, die eher alle gleich klingen, hat Germanium im crunch- & Fuzz Betrieb einen hörbaren Eigenklang - vor allem diese abenteuerlichen Teile aus den Anfangstagen der kommerziellen Transistortechnik. Hurst baute letztendlich ein Drei-Transistor-Design, welches stark an das erste erfolgreiche Fuzz angelehnt war, das 1962 erschienene Maestro Fuzz-Tone FZ-1 aus den USA mit 3Volt Betriebsspannung (Inhaber der Marke Maestro war Gibson). Basierend auf diesem Schaltkreis entwickelte sich letztendlich 1965 der Vox Tone Bender Mk1 mit 9Volt Betriebsspannung.
Aber nicht so schnell. 1964 ging es bei Vox drunter und drüber. Tom Jennings, der Firmengründer von Vox/ JMI (= Jennings Musical Instruments) und sein Techniker Dick Denney waren zwar miteinander ein gutes Team, aber Toms Managerqualitäten waren, gelinde gesagt, ziemlich lausig. Es unterliefen ihm gewaltige Fehler – insbesondere in der Zusammenarbeit mit seinem damaligen US-Partner Thomas Organ, die dazu führten, dass Jennings 1967 seine Firma Vox komplett an die Royston Group verkaufte und aus der Firma ausschied. Gary Hurst verlor während diesen Wirren seine Ansprechpartner, denn bei Vox hatten jetzt andere Leute das Sagen. Zudem war das liberale Gründerzeit-Flair der alten Vox-Firma dahin – Soundtüftler mögen straffe Strukturen nicht, denn diese Freigeister fühlen sich schnell eingeengt. Überhaupt war Hurst nie richtig bei einer Firma zu Hause, mal war er hier, nach kurzer Zeit zog es ihn zu neuen Ufern in die nächste Firma. So traf er etwas später auf die Brüder Larry & Joe Macari, die ihm und seinen Ideen aufmerksam zuhörten. Sie hatten gerade erst einen Musikladen in London eröffnet.

FuzzSound

Mitte 1965 hatten die Rolling Stones mit ihrem Mega-Hit “(I Can´t Get No) Satisfaction” – eingespielt mit dem bereits erwähnten 1962er Maestro Fuzz-Tone FZ-1, einen ungeahnten Boom auf diesen neuen, revolutionären Fuzz-Sound ausgelöst. Für die Konservativen im klassenbewussten englischen Empire (bzw. dessen Resten) war dieser Sound mit Sicherheit übelster Lärm und Schlimmeres; sie witterten wie immer Revolution und den üblichen Untergang des Abendlandes. Für die progressive Jugend, die gerade dabei war, ihre eigene Identität und Kultur zu erstreiten, war der sägende Sound eine starke akustische Waffe im Aufbegehren gegen die erstarrten Gesellschaftsstrukturen des Establishments. Von diesem Geist beseelt, ergriffen die Macari Brüder ihre Chance und gründeten, mit diesem begnadeten Technik-Freak Hurst im Hintergrund, 1965 im Hinterzimmer ihres kleinen Musik-Geschäftes die Firma Solasound.

SolaSound

Ihr erstes Produkt, wie sollte es auch anders gewesen sein, war eben Garys alter Tone Bender Mk1 im gefalteten Blech Gehäuse mit zwei Einstellern auf der Oberseite. Der MK1 Schaltkreis wurde dann im Königreich natürlich kopiert z.B. von Hornby-Skewes als „Zonk Machine“ oder von Selmer als „Buzz Tone“, welcher von Syd Barrett (Pink Floyd) gerne benutzt wurde. Im Frühjahr 1966 überarbeitete Hurst für Solasound die Schaltung nochmals (die Schaltung sollte temperaturstabiler und preiswerter werden), diesmal wird es ein 2-Transistor Design in neuem die-cast Gehäuse. Man nennt diese Tone Bender Serie heute zur besseren Abgrenzung kurz Tone Bender Mk1.5 Version. Ihr größter Kunde wurde – welche Ironie - sogleich Vox, denn auch dort wurde man hellhörig nach den neuen Sounds. Vox beauftragte also Solasound, diesen Tone Bender unter dem Vox-Logo in dem massiven grauen Gussgehäuse serienmäßig für sie zu fertigen. Und Solasound fertigten diesen Vox Tone Bender (Mk1.5) massenhaft! Diese Vox Tone Bender Version wird nicht nur der meist verkaufte Tone Bender sein, sondern man verknüpft mit ihm auch „den“ Tone Bender Schaltkreis. Auch unter eigenem Solasound-Logo mit veränderter Kosmetik, aber gleichem Gehäuse, vertrieben sie Tone Bender Mk1.5 -Treter, aber in merklich geringeren Stückzahlen – man war eben noch nicht so bekannt. Unter Insidern sprach sich jedoch schnell herum, dass die wohl tönenden Vox-Treter aus der Solasound-Werkstatt stammten; ihr Londoner Shop mit dem Namen Macaris Musical Exchange in der legendären Denmark Street 22 wurde schnell zum Treffpunkt der Lokalhelden Beck, Page & Townshend. Es ist überliefert, dass Jeff Beck und Jimmy Page dort einige Zeit in der Werkstatt verbrachten und dabei sogar die Transistoren – alle waren damals von diesen kleinen Wunderdingern fasziniert - eigenhändig in ihre zukünftigen Pedale einlöteten. Es ging also richtig familiär dort zu! Die Macaris forderten, dass jetzt ein eigenständiges Produkt her musste, um sich klarer von Vox abgrenzen zu können. Schließlich füllt der Verkauf eigener Treter die Kasse effizienter. Hurst entwarf daraufhin ein neues Drei-Transistor-Design, den Tone Bender Professional Mk2 - ein wirklich feiner Schaltkreis, im Prinzip der 2-Transistor Mk1.5 Schaltkreis mit vorgeschaltetem Ein-Transistor Preamp. Das die-cast Gehäuse übernahmen sie vom Vorgänger Mk1.5. London war mittlerweile das Zentrum einer förmlich explodierenden Musikszene. Und mitten drin wühlten die Macaris, die nach kurzer Zeit das Outfit ihrer Treter wechselten und das grauen Einerlei durch bunte Kunstwerke ersetzten, die eindeutig in das Flair ihrer Zeit passten – Farbfernsehen, bunte Miniröcke, farbige hochhackige Stiefeln, toupierte Haare, Pop-Art, Paisley-Gitarren, Flower-Power, Hasch & LSD.
Die Macaris versorgten schon bald die angesagten Szene-Gitarristen mit ihren einfallsreichen, pfiffigen sowie professionellen Ansprüchen genügenden Geräten, angefangen mit dem ungeschliffenen Polit-Anarcho-Rocker Edgar Broughton, über die Psychodelic-Rocker Syd Barrett und Steve Winwood, die R&Ber Pete Townshend, Jeff Beck, Jimmy Page inkl. dem damals gepriesenen Blues-Gitarrengott Eric Clapton, bis hin zum Hohepriester des Glam-Rock Mark Bolan, oder Bowie´s Gitarrist Mick Ronson. Damit war ihre kleine Firma in recht kurzer Zeit zu Recht der Marktführer in diesem neuen aufstrebenden Gewerbezweig geworden. Nach dem Ausscheiden aus seiner VOX Fabrik im Jahre 1967 erschien Tom Jennings 1968 wieder auf der Bildfläche und gründete (zusammen mit Dick Denney) die Firma „Jennings Electronic Developments“ – kurz „Jennings“. Er stellte u.a. unterschiedliche Pedale her, bekannt wurde sein 1- Knopf Fuzz, bestückt mit zwei japanischen Silizium Transistoren im Design des alten Hurst- Schaltkreises Mk1.5. Jennings Pedal Firma stellte 1973 die Produktion ein.

Marshall

Natürlich erkannte der clevere Geschäftsmann Jim Marshall die Zeichen der Zeit. Dass die Macaris als „OEM“ in Lohnarbeit für Fremdfirmen fertigten, war ihm bekannt – also klopfte auch er bei den Jungs an. Mit seiner Gitarrenverstärker-Fabrik ging es steil bergauf. Seit Jahresbeginn hatte er (bzw. sein Techniker Ken Bran) die Amp-Produktion von der teuren KT66 Endröhren auf die preiswerteren und – wichtig bei Fertigung in Großserie – besser verfügbaren EL34 umgestellt sowie dem Preamp den entscheidenden Treble-Kick verpasst. Die gleichzeitig neu installierte Gehäusekosmetik wird man später schlicht und ehrfurchtsvoll Plexi-Design nennen. Und um den Wunsch nach mehr Lautstärke gerecht zu werden (Townshend lag ihm damit ständig in den Ohren), hatte er soeben eine neue 100 Watt starke Amp-Serie (4x EL34) vorgestellt, mit denen Clapton, Hendrix, Kossoff, Beck, Page & Lee ..., aber auch Blackmore und Ronson zusammen mit der im darauf folgenden Jahr 1967 eingeführten bulligen 200 Watt starken Major-Serie (4x KT88, in Ultra-Linear-Schaltung) Rock-Geschichte schreiben sollten. Marshall hatte weiterhin einen fetten Distributions- und Marketingvertrag mit der finanzstarken Vertriebsfirma Rose-Morris in der Tasche, der seiner Firma ein Expandieren ermöglichte. Kurz: Jim Marshall hatte also reichlich Bares, aber keine Transistor-Spezialisten – und ein zerrender (Germanium) Bodentreter à la Solasound Tone Bender fehlte noch in seiner Produktlinie.
Marshall und die Macaris wurden sich schnell einig. Der neue Professional Mk2 wurde kurzerhand einer kleinen Modifikation unterzogen, blieb aber in seinem technischen und klanglichen Grundkonzept erhalten und mutierte zum Marshall Supa Fuzz, der 1967 erschien. Er war damals außerordentlich erfolgreich und ist heute ein begehrtes und teures Sammlerstück mit einem exquisiten Klang. Eric Clapton wurde offenbar sofort seiner habhaft und benutzte ihn wohl bei einigen Studio- Aufnahmen von Cream – und auch etliche der BBC-Aufnahmen von Cream klingen nach diesem Verzerrer. Auch für Marshall´s spätere Zweitfirma Park, die Jim gründete, um seinem ihn krakenhaft umschlingenden Vertrieb Rose-Morris zumindest teilweise zu entrinnen, wurde unter dem Namen Park Fuzz Sound ein Modell geschaffen, das auf dem später erscheinenden Tone Bender Mk3 basiert.

Arbiter

Zu dieser Zeit starteten auch viele andere Firmen, die sich meist aus Musikshops heraus entwickelten, die Produktion von eigenen Verzerrer Pedalen. Und nicht selten wurde dabei mächtig zum Schaltungsdesign von Solasound geschielt. Auch Ivor Arbiter stiess im Herbst 1966 zu diesem Business dazu. Arbiter war einer der Pioniere in Sachen Vertrieb amerikanischer Gitarren. Diese waren ja wegen der Einfuhrbeschränkungen, die Grossbritannien im Hinblick auf die Schuldensituation gegenüber den USA (als Folge des Lend-Lease-Programms im 2. Weltkrieg) eingeführt hatte, bis zum Ende der 1950er Jahre in England kaum zu bekommen. Um wenigstens etwas Ersatz zu besorgen, hatte Arbiter Gitarren insbesondere aus Deutschland und Holland nach Grossbritannien importiert, und sogar eigenhändig Gitarren aus holländischer Herstellung mit einem von einem Freund geliehene Stofftransport-Van auf die Fähre gekarrt – dies war dann auch der Grundstein seines späteren Imperiums, Auch nach dem Ende der Beschränkungen verbesserte sich die Verfügbarkeit von amerikanischen Instrumenten in den frühen 1960ern nur langsam – Arbiter war hier aber besonders wirksam im Sinne der Änderung tätig.
Jedenfalls brachte er frech im Herbst 1966 eine leicht modifizierte Tone Bender Mk1.5-Kopie mit Namen Dallas-Arbiter Fuzz Face heraus. Gefertigt wurde das Gerät von „Dallas Music Industries“. Dieses Teil wurde vor allem durch Jimi Hendrix bekannt, der häufig in Arbiters Londoner Musikladen mit Namen Sound City der schönen Fender-Gitarren wegen abhing und die Tretmine dort kennen lernte – sie erinnerte ihn wohl entfernt an den gewohnten Sound des Mosrite Fuzzrite, der Treter, den er in seiner soeben hinter sich gelassenen, erfolglosen Zeit in den USA benutzte. Arbiter übernahm 1972 die Firma Vox, die nach die nach dem Konkurs der Royston Group durch mehrere Hände gegangen war. Er hatte schon zuvor (ca. 1967) begonnen, mit einer eigenen Verstärkerlinie mit Namen Sound City auch in den Verstärker-Markt einzusteigen; diese Amps wurden von den frühen Pink Floyd, manchmal auch von Hendrix benutzt. 1978 verkaufte Arbiter die Firma Vox an Rose- Morris weiter. Auch im Jahr 1969 wurden die Germanium Transistoren des Fuzz Face gegen neue Silizium Typen ersetzt.

Roger Mayer

Um 1964 betrat ein gewisser Roger Mayer die Bühne des Stompbox Business. Er bediente zunächst die local heroes Beck & Page zu deren frühen Yardbirds Zeiten, bevor diese zu Solasound wechselten. Ende 1966 traf er auf Jimi Hendrix, für den er schon bald fleißig neue Effekte ersann und produzierte, z. B. das Axis Fuzz oder Octavia – der Rest ist Geschichte.
Die damalige Vielfalt an Bodentretern war einfach faszinierend, Sound-Freaks und Tüftler sprühten nur so vor Einfällen. Damals wurden fast alle auch heute noch wichtigen Effektgeräte entworfen – TrebleBooster, Fuzz, SuperFuzz, UniVibe, Flanging-Effekt, WahWah, Reverb, Octavider, Ringmodulator ... um nur einige zu nennen. Aber man entwarf auch Utopisches, Wirres, Unaussprechliches und scheinbar Außerirdisches, z. B. das 69er Octavia von Tychobrahe oder die 66er „Zonk Machine“ von Hornby Skewes – elektrotechnische Antimaterie im Prä-Startrek-Zeitalter. Ein braver und sensibler Ingenieur würde beim Anblick dieser Schaltbilder sicherlich mit aufgeheiztem Lötkolben Harakiri begehen.
Diese guten Bodentreter hatten noch einen weiteren Vorteil zu bieten. Der Verstärker spielte zur Sounderzeugung eine geringere Rolle, was den jungen aufstrebenden Gitarristen bei ihrer dünnen Finanzdecke sehr entgegen kam. Es genügten daher auch Amps der zweiten Garnitur (z. B. WEM, Sound City, Simms Watts, Selmer etc.), um mit angesagten Sounds zu spielen.

Die Musik kippt

Gegen Ende der Swinging Sixties machte sich dann das erschwinglich gewordene Silizium in den Schaltkreisen breit – zudem kippte auch noch der breite Musikgeschmack, und die Supergroups der ersten Rock-Stunde fielen auseinander. Clapton hatte in endlosen Improvisationen den Bluesrock mit Cream lautstark zu Tode gespielt; Flower-Power war definitiv zu Ende, der Traum des friedlichen Nebeneinander zerplatzte spätestens mit dem Mord an einem Farbigen vor laufender Kamera beim Altamont-Festival der Rolling Stones im Dezember 1969. Handstreichartig übernahmen daraufhin Ritchie Blackmore und Tony Iommi (beide mit Treble-Booster) in UK oder in den USA Leslie West (Mountain, mit einem Maestro Sustainer Prototyp), Glen Buxton (Alice Cooper Band, mit mod. Silizium Fuzz-Face), Mark Farner (Grand Funk Railroad, mit Mosrite Fuzzrite und Green Ringer) die Musikszene mit aggressivem, lärmendem Hardrock. Aber auch Gitarristen anderer Genres z. B. der Bürgerschreck & Crossover-Rocker Frank Zappa (mit Green Ringer, eingebaut in seine Gibson SG und Mosrite Fuzzrite) oder Country-Rocker Neil Young (mit Vox Tone Bender Mk1.5) benutzten fleißig ihre Treter zwecks durchsetzungsfähiger Oberwellen-Gestaltung. Von der alten britischen Garde bekamen einzig der progressive Speed-Blues-Rocker Alvin Lee (Ten Years After), Jimmy Page mit Led Zeppelin und ihrem Blues-Rock (später dann auch ohne Blues), noch die kommerzielle Kurve sowie der hemdsärmelige “Anti-Star” Rory Gallagher. Übrigens: Rory war damals so ziemlich der einzige Gitarren-Held, der mit (über die Jahre auf natürlichem Wege) abgeschrubbter Gitarre auftrat, alle anderen Gitarreros zeigten ihren Erfolg (und Geld) auch damit, ständig die damals jeweils neusten Gitarren-Modelle zu spielen und sich diese natürlich leisten zu können – wie sich die Zeiten doch ändern...
So um 1970 wechselte Solasound den Namen in Colorsound - das passte besser zum mittlerweilen bunten Outfit ihrer Treter. Der Übergang gestaltete sich allerdings fließend, und Anfang der 70er gab es sowohl aktuelle Solasound- und Colorsound-Geräte. Germanium-Transistoren waren mittlerweile fast überall out, so out wie heutzutage ein 386er Mainboard mit 40MHz Clock. Trotz der rasanten technologischen Entwicklung beteiligte sich allerdings Solasound/Colorsound vorerst nicht an dem Abgesang auf das Germanium. Im Gegenteil – 1968 wurde der Drei-Knopf Tone Bender eingeführt. Er war der reguläre Nachfolger des Zwei-Knopf Professional Mk2, daher auch Tone Bender Mk3 genannt. Das schwere Gussgehäuse musste einen preiswerteren aus Blech weichen und schaltungstechnisch hatte der neue Mk3, bestückt mit 3 Germanium Transistoren nebst einer Germanium Diode mit seinem Vorgänger nichts mehr gemeinsam, aber er behielt einen ebenfalls superben Klang. Mit leichten Modifikationen und als Lohnauftrag erschien dieses Mk3 Gerät aber hauptsächlich unter dem Vox-Label als „Tone Bender Mark III“ und - wie bereits erwähnt - bei Marshalls Zweitfirma Park als „Fuzz Sound“ sowie bei Rotosound mit Namen „Fuzz“. 1971 wurde das Blech-Design überarbeitet, das bunte Pedal hieß nun Colorsound Tone-Bender Fuzz – auch als Tone- Bender Mk4 tituliert.

Silizium

Aber auch Colorsound meinte, mit der Zeit gehen zu müssen, um das Geschäft mit dem härteren Siliziumsound nicht anderen überlassen zu müssen. Im gleichen Jahr (1971) führten sie daher ihren neuen 9Volt Silizium-Treter, den „Overdriver“ mit Drei-Knopf-Layout ein – später erfolgte davon noch eine orangefarbene 18Volt-Version mit Namen „Power Boost“. Beide besaßen das gleiche Blechgehäuse wie der Tone-Bender Fuzz, natürlich eine andere farbliche Gestaltung und ein neues Innenleben: 2-Transistor Vorverstärker mit einstellbarer Übersteuerung und nachgeschaltetem aktivem Bass & Treble control Design (Baxandell Typ), alles realisiert mit 3 Silizium-Transistoren. Damit war der Overdriver sehr flexibel in seiner Tongestaltung und wurde als Konkurrent des früh 1971 erschienenen Silizium-haltigen Pedals von Electro-Harmonix, dem „Big Muff Pi“, das in den USA einen beachtlichen Erfolg hatte, ins Rennen geschickt – Latin-Rocker Carlos Santana benutzte diesen damals mit Begeisterung; der Big Muff ermöglichte dieses ultralange, weiche Sustain. 1974 wurde dann endgültig zu Gunsten der Silizium-Transistoren der Germanium-haltige Mk4 eingestellt. Als Nachfolger kam 1973 der 3-Transistor Jumbo Tone Bender mit größerem Blechgehäuse sowie neuem Schaltungsdesign heraus, das stark an den erfolgreichen Big Muff Pi von Electro-Harmonix erinnerte. Der Höhepunkt der Siliziumtransistor-Ära wurde mit den typischen Sounds von Mark Bolans esoterischen T. Rex (mit Sola-/Colorsound) oder den brutalen Slade (mit Silizium Fuzz-Face) erreicht, die 1972 regelmäßig die Charts abräumten – nie wieder waren später die vorderen Plätze der Charts vom Sound so stampfend hypnotisch (T.Rex; Ride a White Swan, Children of the Revolution, 20th Century Boy) oder (fast unerträglich) hart (Slade; Gudbuy T´Jane, Mama Weer all Crazee now, Cum on Feel the Noize) sortiert – bei Ersteren blies einem der Text das Hirn aus der Schale, bei Letzteren traf einen der Schlag - Exitus aufgrund einer Überdosis tonalen Siliziums! Eine aufregende Zeit – und heute?? Wie hätte unser großer deutscher Dichter Heinrich Heine da gesagt: “ Denk´ ich an MTV bei Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht ... “
Nebenbei bemerkt wurde der Silizium-haltige „Power Boost“ sowie die Silizium Version des Dallas- Arbiter Fuzz Face (eingeführt 1969) auch von David Gilmour (Pink Floyd) 1973 auf dem “Jahrtausend- Space-Flyer”-Album “Dark Side of the Moon” eingesetzt, nur dort wesentlich wohlklingender abgemischt – geht doch!
Auch die Ära dieser transistorisierten Tone Bender-Geräte ging einmal zu Ende; mit dem Konsum von Hardrock und –Pop war die breite Masse durch. Mastervolume- und Hi-Gain-Zweikanal-Technik à la Mesa/Boogie sowie Distortion Pedale bestückt mit den neuen ICs (MXR D+ & DOD250) sowie brandneue Phaser (MXR Phase 90) im 9Volt Bodentreterformat ermöglichten neue Sounds, die natürlich sofort vermarktet wurden. Diese Klänge verdrängten den Hardrock zu Gunsten des zunächst noch poppig eingefärbten, aufkeimenden Mainstream. Das 1974 noch zusätzlich erscheinende 4- Transistor Design mit Namen Colorsound Supa Tone Bender änderte daran auch nichts mehr. Er wurde ursprünglich für Steve Hackett von Genesis entworfen, der damals noch zusammen mit Sänger Peter Gabriel Kopf der Band war; an den Drums - und nur dort (!) – saß ein gewisser Phil Collins – Mann, war diese (!) Band gut! Doch Hackett, wie auch sein Kollege von der Prog-Rock Band „Yes“, Steve Howe, liebten den Germanium-Sound ihrer Marshall Supa Fuzz sowie des Shaftsbury Duo Fuzz, und sie blieben lieber ihren urzeitlichen Sauriern treu.

Maxon

Die japanische Effekteschmiede Nisshin, besser bekannt unter ihrem Tradename Maxon, der damalige Effektgeräte-Designer (auch) von Ibanez, war allerdings von Electro-Harmonix´ „Big Muff Pi“ derart fasziniert, dass sie schamlos dieses Geräte kopierten. Heraus kam namentlich das erste japanische als Overdrive tituliertes Pedal, der OD-850 – hier ist der Name aber irreführend: schaltungstechnisch ist dieser OD klar noch ein Fuzz. Diese Entwicklung endete nach einigen Zwischenschritten, wie wir alle wissen, im Maxon OD-808 bzw. dem baugleichen Ibanez TS-808 Overdrive Pro, kurz Tube Screamer, wobei beide Geräte auf dem kurz vorher entwickelten Boss OD-1 basierten, dem Vater aller Overdrives im heutigen Sinne.

Abgesang

Das Angebot an Bodentretern der Colorsound-Fabrik, die sich mittlerweile durch einen Umzug in andere Räumlichkeiten gewaltig vergrößert hatte, war Mitte bis Ende der 70er fast unüberschaubar; man hatte sogar zusätzlich PAs, Mixer, E-Pianos, Pickups und mehr im Programm. Doch nichts ist unbeständiger als der Musikmarkt. In Amerika begannen bereits neue Sterne am Effekte-Himmel zu leuchten z. B. MXR, Electro-Harmonix, ProCo, DOD oder A/DA. Auch aus Fernost brach auf den konservativen britischen Markt das Übel in Form preiswerter und guter Geräte von Ibanez und Boss herein, oft Kopien, manchmal aber auch imposante Weiterentwicklungen der feinen amerikanischen Stompboxes. Für den britischen Bodentretermarkt begann nun sein langsames, aber unaufhaltsames Sterben. In den frühen 80er Jahren schlossen sich die Werkstore von Colorsound. In den 90ern ließen die Macari-Söhne unter Mithilfe des alten Vox-Haudegen Dick Denney die Marke ihrer Väter, Colorsound, mit Neuauflagen (in original Gehäuse), die aber z.T. leider elektrisch gesehen eher rudimentär dem Original ähnlich sind, wieder auferstehen.

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